Chinas neue Realität. Was uns die „New Areas“ über Chinas ökonomische Zukunft verraten

1.10.2016

Zwei Jahrzehnte lang stand der Name Shanghai-Pudong für das nicht zu bremsende chinesische Wirtschaftswunder. Mitten in der weltweiten Finanzkrise wurden jedoch auf einmal fünfzehn weitere riesige Wirtschaftsentwicklungszonen aus dem Boden gestampft. Sind sie ein aussagekräftiges Indiz für eine Konjunkturkrise Chinas oder der Beginn einer neuen Phase des ökonomischen Booms? An den „New Areas“ zeigt sich jedenfalls, wohin das Land marschiert.

Am Beginn standen die Sonderwirtschaftszonen. Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas unter der politischen Führung von Deng Xiaoping war von Beginn an eng mit der Einrichtung sogenannter Sonderwirtschaftszonen verknüpft. In einem kommunistisch beherrschten Staat stellten Zonen, in denen auf einmal nach marktwirtschaftlichen Prinzipien gewirtschaftet werden durfte, ein durchaus riskantes Experiment dar. Zwar wurden die Zonen in der Nähe der kapitalistischen Hotspots Hongkong und Taiwan eingerichtet. De facto aber lagen sie an der Peripherie Chinas und wurden vom Umland scharf abgegrenzt, um das Experiment gegebenenfalls einfacher stoppen zu können, falls es zu „kapitalistischen Exzessen“ gekommen wäre. Eine Verwebung der Sonderwirtschaftszonen mit den angrenzenden Städten wurde nicht angestrebt, auch wenn es im Laufe der Zeit dazu kam. Später, durch die gestiegene Erfahrung mit marktwirtschaftlichen Prozessen, entspannte sich der Griff des Staates und es wurden eine Reihe von Hightech-Wirtschaftszonen auch im Landesinneren errichtet.

Das lange Zeit einzige „New Area“ entsteht. Inmitten der politischen und ökonomischen Krise entschloss sich die politische Führung des Landes 1992 dazu, das seit der kommunistischen Machtübernahme wirtschafts- und finanzpolitisch stark vernachlässigte Shanghai zu einem Revival zu verhelfen. Dieses einstige Symbol westlicher, kapitalistischer Kolonialherrschaft in Ostasien sollte nun zum Treiber der zukünftigen Wirtschaftsentwicklung Chinas werden. Bisher waren das Wachstum einer sich zunehmend technologisch ausrichtenden Ökonomie und des internationalen Handels zu sehr auf die von den Sonderwirtschaftszonen dominierte südliche Provinz Guangdong beschränkt gewesen. Das Kalkül Deng Xiaopings war es nun, in Shanghai riesige Mengen ausländischen Kapitals aufzufangen, indem man die frühere Weltstadt dezidiert dafür öffnete und damit ein neues Wachstumszentrum begründete.

Dengs Plänen zufolge sollte die Welle des Wohlstands, die durch internationale Investitionen und die Steigerung des Außenhandels entstehen würde, von Shanghai aus über den Jangtse tief in das Landesinnere wirken und sich dort weiter ausdehnen. Das war von großer Bedeutung, denn durch durch das Eindringen kapitalistischer Wirtschaftspraxis waren die Einkommensunterschiede innerhalb Chinas dramatisch gestiegen. Zukünftig wollte man diese wieder nivellieren, und zugleich sollten alle Chinesen am steigenden Wohlstand teilhaben. Um den Erfolg Shanghais langfristig zu garantieren, wurde die Einrichtung des ersten „New Area“, Pudong, beschlossen. Und wie sich herausstellte, blieb es die nächsten 17 Jahre auch das einzige, dessen ökonomische Privilegien direkt vom Staatsrat bewilligt wurden.

Gegenüber dem Bund, auf der östlichen Seite des Flusses Huangpu, wurde ein riesiger Flächenbezirk mit wirtschaftspolitischen Privilegien ausgestattet und als global ausgerichtete Investmentdestination vermarktet. Pudong entwickelte sich bald zu einer derart großen Erfolgsstory, dass Shanghai in der Wahrnehmung des Auslandes gegenüber Guangdong deutlich in den Vordergrund trat und zum bunt strahlenden Symbol Reformchinas wurde. Rund um die boomende Metropole mit seinem New Area entstand in der Großregion des Jangtse-Deltas mit seinen rund 150 Millionen Bewohnern eine ausgedehnte urbanisierte Zone sehr hohen Wirtschaftswachstums und sukzessiv voranschreitender Modernisierung. Pudong war das perfekte Modell, perfekter als die Sonderwirtschaftszonen und so einzigartig, dass es erstaunlicherweise nicht kopiert wurde.

Das Spezielle an den New Areas. An dieser Stelle bedarf es einer begrifflichen Einordnung: Bei den New Areas, die auf Chinesisch „Xinqu“ („neuer Bezirk“), handelt es sich um eigene Verwaltungseinheiten innerhalb großer Städte, die künftig durchaus mit den sie umgebenden urbanen Zonen verwachsen sollen. Ähnlich den Sonderwirtschaftszonen sind sie so konzipiert, dass sie den Unternehmen besondere wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten bieten, etwa durch den raschen infrastrukturellen Ausbau oder spezifische Steuervorteile. Diesbezüglich werden die bedeutendsten New Areas vom Staatsrat nachhaltig unterstützt, um Investitionen anzuziehen und die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Stadt zu beschleunigen. Die New Areas unterscheiden sich in erster Linie dadurch von anderen chinesischen Wirtschaftsentwicklungszonen, dass sie eine konzeptionelle Weiterentwicklung dieser in einer späteren geschichtlichen Phase darstellen.

Ein Wendepunk führt zu mehr New Areas. Wir schreiben das Jahr 2008: Shanghai war mittlerweile zu einer der größten Metropolen der Welt angewachsen; Abermillionen Menschen waren aus dem Binnenland in die Küstenregionen gezogen, ja es hatte sich dort ein intensiver Konkurrenzkampf von drei ökonomischen Großregionen entwickelt (die Bohai-Rim-Region im Norden, das Jangtse-Delta in der Mitte und das Perlflussdelta in Guangdong im Süden). In einer Phase bemerkenswerter Globalisierung war das Schwergewicht der Weltwirtschaft mittlerweile vom Atlantik an den Pazifik gewandert, während die westliche Welt mit einem Mal den Sturz in eine gewaltige Finanzkrise erlebte, die zu einer weltweiten, komplexen und hartnäckigen Wirtschaftskrise führte, die schließlich auch China treffen musste.

Viele chinesische Städte waren bereits mit eigenen Wirtschaftszonen ausgestattet, als die Exporte plötzlich einbrachen und der politischen Führung Chinas klar wurde, dass man vom Ausland zu abhängig geworden war und das Thema des Binnenwachstums höhere Priorität erhalten müsse. Die Idee der chinesischen Wirtschaftszonen war von jeher eng mit der Steigerung der Exportwirtschaft verbunden gewesen. Angesichts der ökonomischen Daten, die auf eine manifeste Strukturkrise im Westen hinwiesen, musste sich nun die Strategie Chinas grundlegend ändern, wollte man weiter profitieren. An dieser Stelle kam in der nationalen Planung nun Pudong ins Spiel – ein Erfolgsmodell, das man bisher nicht reproduziert hatte, weil es eben so unverwechselbar für Shanghai und dessen Vorreiterrolle im Globalisierungsprozess Chinas gestanden war.

Der Staatsrat begann weitere New Areas einzurichten, ausgedehnte Zonen innerhalb von urbanen Zentren, die mit Privilegien ausgestattet und infrastrukturell hochgerüstet wurden. Zunächst durchschnittlich ein neues New Area im Jahr, denn jedes davon war ein spezielles „Mission Statement“ der Zentralregierung, um eine bestimmte Landesregion verstärkt zu unterstützen. Angesichts der hohen Bedeutung, die der Begriff „New Area“ bislang besessen hatte, kann man sich die Fülle an Anfragen aus den Provinzen vorstellen, auch ein New Area zu erhalten.

In den Jahren 2014/15 wurden schließlich insgesamt zehn neue New Areas ernannt – exakt zu jener Zeit, als sich im Ausland die Stimmen mehrten, das schwächelnde Wirtschaftswachstum Chinas stelle ein großes, kaum in den Griff zu bekommendes Problem dar. Aufstrebende Städte wie Qingdao, Chengdu und Kunming hatten nun ihre eigenen New Areas. Es ging um Symbolik, um eine staatlich garantierte Versicherung, dass diese urbanen Zentren speziell unterstützt und daher auch zukünftig wachsen würden: Denn New Area ist gleichbedeutend mit Infrastrukturausbau, mit lokaler Bevorzugungspolitik und mit Investitionen ausländischer sowie staatlicher und privater chinesischer Unternehmen.

Zeichen der Schwäche oder der Stärke Chinas? Nicht die von manchen westlichen Medien seit vielen Jahren mantra-artig beschworene angebliche strukturelle Schwäche Chinas ist hier entscheidend. Etwas anderes ist geschehen, das Aufmerksamkeit verdient: Die Vorstellung von Shanghai als ökonomischer Speerspitze Chinas ist zum Anachronismus geworden. Die unverzichtbare Position dieser Metropole war erkennbar gewesen an der Machtanhäufung der „Shanghai-Clique“ in der chinesischen Zentralregierung ebenso wie an den höchsten BIP- und Bevölkerungszahlen unter den chinesischen Metropolen. Die Durchsetzungskraft der Shanghai-konnotierten Beamten hat bereits unter der Präsidentschaft Hu Jintaos fühlbar nachgelassen, und das ökonomische Wachstum in China ist wesentlich diverser geworden, seit die Binnenprovinzen erstmals höhere Wachstumsraten aufweisen als die höher entwickelten Küstenprovinzen. Peking hat Shanghai in punkto Bevölkerung mittlerweile fast eingeholt und weist sogar die höchste Anzahl an Milliardären weltweit auf. Mit der Schaffung riesiger, boomender Metropolregionen in anderen Landesteilen steht das Jangtse-Delta auch nicht mehr so omnipräsent da wie in den vergangenen Jahren.

Unter der Prämisse einer „neuen wirtschaftlichen Realität“ hat China längst begonnen, sich neu auszurichten. In Zukunft werden vermehrt die Namen kaum bekannter chinesischer Metropolen in den Schlagzeilen aufleuchten: Namen von Städten wie Chongqing, Chengdu, Xi’an, Changsha, Zhengzhou oder Shenyang, die sich zu mächtigen regionalen Wachstumszentren entwickeln. In seinen letzten Lebensjahren hatte Deng Xiaoping das chinesische Neujahr stets in Shanghai gefeiert. Damit unterstrich er symbolisch, dass diese Stadt die Zukunft sei, der Leuchtturm, von dem aus sich das Licht des Fortschritts in China verbreiten sollte. Doch Dengs Agenda ist seither umgesetzt worden und neue Ziele werden gegenwärtig definiert. Die Schaffung einer Vielzahl von New Areas stellt daher kein trauriges Krisenzeichen der Konjunktur Chinas dar. Im Gegenteil: Sie ist das selbstbewusste Statement, dass die Abhängigkeit von Shanghai als „Leuchtturm für die Außenwelt“ sich verringert, ja normalisiert hat und jetzt andere Faktoren den Ton angeben. Die Dynamisierung des chinesischen Wachstums im Binnenland geht nun von einer Vielzahl sich rasant entwickelnder urbaner Zentren aus, die sich ihrer ökonomischen Stärken und Potentiale besinnen und sich zu regional wie überregional wirkenden Leuchttürmen entwickeln sollen. Für Investoren gestaltet sich die Suche nach ökonomischem Erfolg in China heutzutage diverser als noch vor wenigen Jahren. Die heutigen Verhältnisse erfordern eine besonders umfassende Betrachtung der Möglichkeiten und eine daran angepasst Strategie, und diese Betrachtung muss sich zunehmend mit dem chinesischen Binnenland beschäftigen, wo die Strukturen noch nicht so verfestigt sind, aber die wirtschaftliche Dynamik und die unternehmerischen Chancen umso größer.

© China Under Construction, 2016

Diese Städtereports wurden von CHINA UNDER CONSTRUCTION bisher veröffentlicht:

Changsha – Prime Boomtown in Southern Central China

Chengdu – The New Shanghai in China’s Interior?

Chongqing – Vibrant Powerhouse on the Upper Yangtze River

Kunming – China’s Door Opener to Southeast Asia

Lanzhou – A Phoenix Arises On the New Silk Road

Wuhan – Central China’s Megacity Expecting the Big Bang

Xi’an – Massive Build-Up at the Starting Point of the New Silk Road

Zhengzhou – Dynamic Forerunner in Northern Central China