Das „neue Shanghai“ im Binnenland

Für den längsten Teil ihrer modernen Geschichte war das starke regionale Standing der Stadt Chengdu nicht in Zweifel gezogen worden. Doch 1997 entschloss sich die chinesische Zentralregierung, den wichtigsten Hafen der Provinz Sichuan, die am Jangtse gelegene Metropole Chongqing, zur Ausgangsbasis einflussreicher wirtschaftlicher Experimente zu entwickeln. Zu einer Zeit, als der Modernisierungsstand und das Wirtschaftswachstum des Binnenlandes noch weit hinter jenen der Küstenregionen zurücklag, zeigte Chongqings BIP bald außergewöhnlich starke Wachstumsraten. Dieser Trend hätte Chengdus führender regionalen Position einen tödlichen Stoß versetzen können. Stattdessen entwickelte sich jedoch bald ein enormer intraregionaler Wettbewerb. Während es zeitweise so aussah, dass der neue Rivale als Sieger aus dem Kampf hervorgehen könnte, kämpfte sich Chengdu mit wahrhaft eindrucksvollen Wirtschaftsdaten schließlich zurück an die Spitze der Rankings, wobei es eine überwiegend positive Resonanz sowohl national als auch international erfuhr.

Als Megacity mit etwa 10 Millionen städtischen Einwohnern profitiert Chengdu massiv von seiner Funktion als Hauptstadt einer Provinz, deren Bevölkerung so groß wie jene ganz Deutschlands ist. Deng Xiaoping höchstpersönlich hatte einst die Order ausgegeben, dass die marktgetriebene Dynamik von Shanghai aus den Jangtse hinauf ausstrahlen sollte, um om Landesinneren die wirtschaftliche Lage zu revolutionieren. Bedeutend ist hier der sub-provinzielle Verwaltungsstatus von Chengdu, welcher der Stadtregierung erlaubt, über wirtschaftliche Belange frei zu entscheiden (etwas, das auch von großem Vorteil für Boomtowns entlang der Küste, wie Hangzhou oder Qingdao, war). Millionen von Migranten strömten seit Beginn des regionalen Booms in die Stadt, und immer noch gibt es sehr viel Land infrastrukturell zu entwickeln auf der großflächigen Chengdu-Ebene. Die Einrichtung von einem Dutzend ausländischer Konsulate, darunter USA, Deutschland, Korea und Singapur, unterstreicht die Wichtigkeit, die Chengdu mittlerweile auch für die globale Gemeinschaft besitzt.

Chengdu hat sich im Verlauf des harten Wettbewerbs mit seinem Nachbarn Chongqing zum wichtigsten Verkehrsknotenpunkt in Westchina entwickelt, und ist infrastrukturell hervorragend an eine Reihe anderer boomender Städte und Regionen angeschlossen. Es gibt bereits bzw. bald Hochgeschwindigkeitszüge nach Guiyang, Kunming, Chongqing, Wuhan, Nanjing, Hangzhou und Shanghai im Süden sowie nach Xi’an, Lanzhou, Zhengzhou, Shijiazhuang und Peking im Norden. Interessanterweise existieren noch keine Pläne für eine Hochgeschwindigkeitsverbindung nach Guangdong. Dies hat vermutlich auch damit zu tun, dass angesichts der ausgezeichneten Verbindung Chengdus mit einer Vielzahl bedeutender ökonomischer Regionen und aufgrund des ohnehin beeindruckenden Umfangs ausländischer Direktinvestitionen gegenwärtig kein hoher Bedarf an einer Steigerung der Investitionen aus Hongkong besteht, die für das Wohlergehen mancher Städte Chinas häufig so entscheidende Bedeutung besitzen. Chengdu ist außerdem über nationale Autobahnen mit dem Rest des Landes verbunden, die über Shaanxi in den Norden Chinas führen und nach Yunnan in den Südwesten sowie hinauf auf die Tibetische Hochebene. Innerhalb Chengdus sind Busse äußerst wichtige Transportmittel, da es gegenwärtig nur zwei U-Bahnlinien gibt, wobei allerdings insgesamt achtzehn Linien geplant sind. Das zeigt, wie wichtig die infrastrukturelle Entwicklung genommen wird, um die wirtschaftlichen und sozialen Standards zu verbessern.

In jüngerer Zeit bemüht sich die Stadt um noch mehr Internationalität was man daran erkennen kann, dass es einen Zug gibt, der drei Mal pro Woche nach Lodz in Polen fährt. Direkt zwischen den Hauptabschnitten der geostrategisch bedeutsamen „Gürtel-und-Straße“-Initiative liegend, stellt die Hauptstadt Sichuans einen integralen Teil eines stark expandierenden Transport- und Logistik-Netzwerks dar, das auf bessere Verbindung und wirtschaftliche Impulse zwischen den verschieden Teilen Asiens und auch nach Europa ausgerichtet ist. Chengdu besitzt dadurch eine exzellente Position in einem größeren wirtschaftsstrategischen Plan. Während die Metropole selbst über keinen direkten Zugang zu irgendeinem Hafen besitzt, gibt es gut entwickelte Verbindungen zu den Häfen Yibin und Luzhou am Jangtse, deren Größe im Moment ausreichend zu sein scheint. Chengdu bietet außerdem einen der größten Flughäfen in China, der bald jenen von Shenzhen als Nummer Vier des Landes überholen könnte, und ist gut verbunden mit vielen internationalen Flughäfen wie etwa Frankfurt, London-Heathrow, San Francisco, Vancouver, Amsterdam, Doha, and Abu Dhabi.

Viele große internationale Unternehmen, die ursprünglich an der Küste angesiedelt waren, sind mittlerweile nach Chengdu gezogen oder haben hier neue Standorte eröffnet, wo sie von geringeren Arbeitskosten und der sich rapid verbessernden Infrastruktur profitieren können. Das stabile wirtschaftliche Fundament, die starke Unterstützung der lokalen Regierung und das Vorhandensein gut ausgebildeter Arbeitskräfte machten diese Stadt zu einem bevorzugten Platz für innovative Unternehmen. Nicht überraschend, dass Chengdu das wichtigste Ausbildungs- und Wissenschaftszentrum im Südwesten Chinas ist, und viele Möglichkeiten für R&D-Tätigkeiten bietet. Ausländische Unternehmen, die hier investieren, profitieren auch vom Status einer „Modellstadt für den Schutz geistigen Eigentums“, was ihr Geschäftsrisiko reduziert.

Chengdu, wo im 10. Jahrhundert zum ersten Mal weltweit Papiergeld kursierte, ist zu einer führenden globalen Investmentdestination geworden und ein aggressiver Treiber regionalen Wirtschaftswachstums. Die Zahlen beeindrucken: Laut offiziellen Angaben haben sich bereits mehr als die Hälfte der Fortune 500-Unternehmen in Chengdu niedergelassen. Im folgenden die Namen einiger bekannter Unternehmen, die in Chengdu Standorte haben: GE, Siemens, Microsoft, Intel, IBM, Lenovo, HP, Dell, Xerox, TexasIndustries, Foxconn, Ubisoft, SAP, Citigroup, JPMorgan Chase, BNP Paribas, UFJ, HSBC, Standared Chartered Bank, Henkel, TNT, UPS, DHL, Maersk, Cosco, Sinotrans, FAW Volkswagen, FAW Toyota, Volvo, Accenture, KPMG, PWC, Ernst&Young. Wie man erkennen kann, ist Chengdu eine Top-Destination für die IT- und Telekommunikationsindustrie, genauso wie für die Automobilindustrie. Aufgrund des massiven Upgrades der Infrastruktur der Stadt hat sich auch der Immobiliensektor zu einer bedeutenden Säule der städtischen Wirtschaft geworden. Zwei besonders prestigeträchtige Projekte waren die Konstruktion des „New Century Global Centre“, das als das „größte Gebäude der Welt“ (nach Quadratmetern Fläche) bekannt wurde und das ebenfalls bemerkenswerte „New Century City Art Center“, das von Zara Hadid Architects designet wurde. Außerdem ist Chengdu ein wichtiges regionales Finanzzentrum und ein bedeutender Logistik-Hub im Westen von China.

Rund um Chengdu haben sich eine Vielzahl wettbewerbsfähiger Cluster geformt. Sie basieren auf den vier industriellen und universitätsgeführten Wissenschaftsparks (auf Staatslevel) und den dreiundzwanzig regional verankerten Industrieparks, wo Tausende von ausländischen, staatseigenen und privaten chinesischen Unternehmen ansässig sind. Taiwan und Singapur engagieren sich mit ihrem „Technology Industrial Development Park“ bzw. „Hi-Tech Innovation Park“, und Deutschland ist in einen Industriepark für KMUs involviert. Die Regierung von Chengdus zeigt sich bemüht, in China einen Rang wie das Silicon Valley in den USA zu erreichen, indem es innovativen Startups die Kooperation mit etablierten Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Universitäten erleichtert. Im Jahr 2011 erhielt die Stadt ein eigenes „New Area“, Tianfu, um ihre High-Tech-Orientierung nachhaltig zu verbessern. Abgesehen von „traditionellen“ Stärken in der Verarbeitung werden einige zukünftige Ecksteine von Chengdus Wirtschaft High-Edge-Branchen wie mobile Interkonnektivität, 3D-Druck, neue Energieformen oder Biomedizin sein. Chengdu hat sich außerdem zu einem bedeutenden Zentrum für Ausstellungen entwickelt (u.a. Chengdu Modern Industrial Technology Expo, CMIT; Western China International Economy and Trade Fair, WCIF).

Last but not least spielt auch der Tourismus in Sichuan eine signifikante Rolle für Chengdu, das als Provinzhauptstadt einen wichtigen Zwischenstopp für Reisende darstellt.

Obwohl es mehr als einmal in der Geschichte zur Entvölkerung und der Wiederbesiedlung Sichuans aus anderen Landesteilen kam, hat sich das Rote Becken spezifische Charakteristika erhalten, die selbst auf viele Chinesen exotisch wirken. Viele Touristen kommen hierher, um die besonders scharfen Speisen zu genießen oder die omnipräsenten Teehäuser zu besuchen, wo die Einheimischen stundenlang Mahjong spielen. Für relative Entspannung in der Millionenstadt ist auch gesorgt, da Chengdu als eine der grünsten Städte Chinas gilt. In Sichuan findet man ein großes Naturreservat, in dem Pandabären betreut werden, es gibt berühmte Klöster in den Bergen oder fantastische Aussichtspunkte – sie alle erreicht man am besten von Chengdu aus. Und wer auf der Suche nach geschichtlich bedeutenden Ereignissen ist, der sollte darauf hingewiesen werden, dass im Jahr 1911 in Sichuan eine ausländerfeindliche und antimodernistische Bewegung entstand, die dem Wuchang-Aufstand vorausging, der die Entmachtung des chinesischen Kaiserhofs auslöste. Ein paar Jahrzehnte später war Chengdu dann die letzte Stadt, die noch von den nationalistischen Guomindang gehalten wurde, bevor diese sich vor den einrückenden Kommunisten nach Taiwan zurückzog – auch heute noch gibt es eine riesige Mao-Zedong-Statue, die das Stadtzentrum Chengdus „bewacht“.

Nachdem Sie diese Präsentation gelesen haben, wundern Sie sich möglicherweise, ob es irgendeinen Zweifel geben kann, dass Chengdu nicht „the place to be“ für Ihr Unternehmen ist.

Die Daten sind eindrucksvoll, ja es scheint, dass jedes Unternehmen einer bestimmten Größe sich überlegen muss, in Chengdu eine Niederlassung zu eröffnen. Ist also Chengdu das „Shanghai von Chinas Binnenland?“ Nun, die Dinge laufen hier besonders gut, und alle Prognosen sehen in Chengdu weiterhin einen aufsteigenden Stern. Chengdu profitiert als Wirtschaftsstandort sicher auch von seiner Reputation als eine der Metropolen mit der höchsten Lebensqualität in China. Obwohl das Wetter subtropisch feucht und der durchschnittliche jährliche Sonnenschein so gering wie in Nordeuropa ist, sind die Sommer in Chengdu weniger heiß als in Chongqing oder anderen Städten entlang des Jangtse. Im Winter wiederum ist das Klima milder als zum Beispiel in Shanghai, was an den bis zu 5.000 Meter hohen Berge in der Umgebung liegt, die Chengdu (auf etwa 500 Metern Höhe gelegen) von kalten nördlichen Winden abschirmen.

Die beiden Städte, die im Folgenden kurz verglichen werden, Chengdu und Chongqing, sind seit vielen Jahren durch Hochgeschwindigkeitszüge miteinander verbunden und stellen zusammen die nächste große Kernregion der chinesischen Volkswirtschaft dar (nach dem Perfluss-Delta, dem Jangtse-Delta und der Bohai-Rim-Region). Beide Städte haben seit 1997 in großem Ausmaß von der wechselseitigen Konkurrenz profitiert und zeigen außerordentlich hohe BIP-Wachstumsraten sowie massive ausländische Direktinvestitionen und die Ansiedlung wichtiger internationaler Firmen. Aufgrund des wirtschaftlichen Booms gab und gibt es große Migrationswellen von ländlicher Bevölkerung nach Chengdu und Chengdu, und einen Boom im Immobiliensektor. Es gibt viele Unterschiede zwischen den beiden Städten, die man sofort erkennt. Chengdu bietet viel Grünraum, während Chongqing ein deutlich weniger relaxter Ort ist; Chengdu liegt in einer Ebene, umgeben von fernen, hohen Bergketten, während Chongqing sich über Hügel und Täler ausdehnt; Chongqing hat den Jangtse mitten im Stadtgebiet, während man von Chengdu aus lange fahren muss, bis man den nächsten Hafen erreicht; Chongqing ist eine Munizipalität unter direkter Kontrolle der chinesischen Zentralregierung, während Chengdu die Hauptstadt der einwohnerreichen Provinz Sichuan ist; Chongqing liegt geographisch näher am Zentrum von China und hat eine Vielzahl dichtbesiedelter Provinzen und Regionen in Reichweite, während das auffallend dichte Hochgeschwindigkeitsnetzwerk rund um Chengdu besonders attraktive Impulse für die regionale Entwicklung bieten könnte.

Chengdu wie auch Chongqing strengen sich an, ihre Integration im globalen Wirtschaftssystem zu optimieren, und sie schlagen sich diesbezüglich auffallend gut. Doch während das von Peking kontrollierte Chongqing offener bezüglich der intraregionalen Kooperation eingestellt ist, gibt es in Chengdu mehr Widerstand gegenüber dem Rivalen, den manche für die Stadt mit der höchsten Einwohnerzahl weltweit halten (was in Wahrheit so nicht stimmt). Für die Beamten in Chengdu könnte es tatsächlich vorteilhafter sein, mit einer Reihe kleinerer Städte rund um die Metropole zu kooperieren, um mehr positive Netzwerkeffekte innerhalb Sichuans zu erhalten, und dabei Chongqing zu ignorieren. Es gibt keine einfache Antwort – nicht auf die Frage, ob Chengdu oder Chongqing schließlich die Nase vorne haben; nicht zu der Frage, ob die beiden Metropolen sich gemeinsam entwickeln werden oder in unterschiedliche Richtungen; und nicht zu der Frage, welche Stadt sich besser für Ihre Investments eignet. Es wird Zeit benötigen, es sich zu überlegen, aber gerade wenn die Antwort schwer zu finden ist, lohnt es schließlich umso mehr. Die Wahl hängt natürlich sehr stark ab von der spezifischen Situation des jeweiligen Unternehmens ab; manche Privilegien sind vielleicht besonders vorteilhaft in Chengdu oder in Chongqing, oder es lassen sich besser passende Kooperationspartner in einem bestimmten Industriepark finden; und schließlich könnte es auch hilfreich sein, beide Städte zu besuchen und die Eindrücke zu vergleichen, die du dort gewonnen werden.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Chengdu in den vergangenen Jahren zu einer riesigen Boomtown geworden ist, die rasant Kapital aus ganz China und der Welt anzieht. Die Dimensionen des Booms mögen vielleicht sogar jene überrascht haben, die für die Geschicke der Stadt verantwortlich waren, wie man an den jüngsten Bemühungen erkennen kann, das zu korrigieren, was bezüglich Infrastrukturentwicklung versäumt worden war. Innerhalb der passenden Investitionsumgebung können hervorragende Netzwerkeffekte erzielt werden; Firmencluster im High-End-Spektrum unterschiedlicher Unternehmensbranchen entstehen in Chengdu laufend. Durch den intensiven Wettbewerb mit Chongqing hat sich eine vierte ökonomische Zentrumsregion etabliert, die sich zukünftig wohl gleichrangig zum Perlfluss-Delta, dem Jangtse-Delta und der Bohai-Rim-Region gesellt. Besonders weil es viel zu einfach wäre, zu behaupten, dass man genau dorthin gehen sollte, wo alle hin gehen, weil alle dort hin gehen, empfiehlt es sich, Chengdu mit Chongqing zu vergleichen, zu vergleichen und nochmals zu vergleichen, wenn du man einmal zu der Erkenntnis gelangt ist, dass dieses Eck Chinas das bestmögliche für Ihr Unternehmen ist. Chengdu könnte die beste Wahl sein, aber viele Faktoren müssen zuvor in Betracht gezogen werden.

© China Under Construction, 2016